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Wo gibt es Wasserwaale in Nordtirol?

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Wasserwaale in Sellrain

Im Sellraintal erfolgte früher die (künstliche) Bewässerung an der trockenen Sonnenseite durch Wasserwaale (mundartlich 'Woaler').
Im Sellraintal erfolgt noch heute die (künstliche) Entwässerung an der feuchten Schattenseite durch Wasserwaale (mundartich 'Woaler').
Die Waale hatten also in Sellrain und Umgebung zwei völlig unterschiedliche Funktionen: Be- und Entwässerung!

Informationen über die Wasserwaale (zur Entwässerung) finden sich u.a. in der im Jahr 1990 von Erna Ruetz verfassten Ortschronik der Gemeinde Gries im Sellrain, wenn es heißt:
"Auch das Waalsystem, das schon 1550 im Dorf eingeführt wurde, wird heute sehr vernachlässigt. Durch Arbeitermangel und Gleichgültigkeit der Bauern ist es nicht mehr möglich, diesen wichtigen Arbeiten mehr Aufmerksamkeit zu widmen. In früheren Jahrhunderten erkannte man wie wichtig die Waaler die Versumpfung verhinderten, ebenso sah man die Gefahr von Gleitschicht- und Hangrutschen durch die Wasserversickerungen an den Hängen." (Erna Ruetz, Ortschornik von Gries im Sellrain. Manuskript. Gries im Sellrain 1990, S. 15)

An der Schattseite der Gemeinde Sellrain (z.B. Bircheben, Platte, Hintern Schrofen) können einzelne zur Entwässerung dienende Wasserwaale über Talwiesen, Bergmähder, Steige und Wege begangen werden.

Neben der schon erwähnten Ortschronik von Erna Ruetz über Gries im Sellrain enthält die im Jahr 1968 an der Universität Innsbruck (bei Professor Hans Kinzl am Institut für Geographie) eingereichte geographische Dissertation von Friedel Berger wertvolle Hinweise über den Stand der Be- und Entwässerung Ende der 1960er-Jahre, wobei zwischen dem eigentlichen Hofbereich (= Talwiesen) und den Bergmähdern ( Bergwiesen) unterscheiden werden muss:
"Im Sellraintal bestand früher an manchen Stelles des sonnseitigen Hanges ein einfaches Be- und Entwässerungssystem, das aus Mangel an Arbeitskräften nicht mehr instandgehalten wurde und verfiel. Bis vor wenigen Jahren bewässerte der Lettenbauer in Sellrain seine Wiesen. Als letzter kehrt noch der Sellrainer Notlehen-Bauer von einem 'Waaler' Wasser auf sein äußeres Feld ein. Seine übrigen Wiesen bewässert und düngt er durch die Güllepumpe. Sonst werden nur mehr im Obertal einige Bergmhäder bewässert." (Berger 1968, S. 211-212/. "Da die kleinen Entwässerungsgräben nicht mehr gepflegt werden, kommt es nach Gewitterregen bei den sonnseitigen Höfen öfters vor, daß sich das Wasser eigene Wege sucht und kleinere Muren und Anrisse verursacht." (Berger 1968, S. 212)
Über die damals noch praktizierte Bewässerung von Bermähdern in der Gemeinde St. Sigmund heißt es folgendermaßen: "7 Höfe bewässern ihre Bergwiesen, und zwar die zwei Brandhöfe, Sargen, Bucher und Stoffler in Peida sowie Klotz und Lippenhans in Praxmar. (Nachdem sich durch das Bewässern eine Mure gebildet hatte, mußte der Stofflerbauer in letzter Zeit davon Abstand nehmen). 6 Höfe in Peida düngen außerdem ihre Bergmähder. Diese bewässerten und gedüngten Stücke können jährlich gemäht werden." (Berger 1968, S. 262)
Über die Bewässerung der Bergmähder in den beiden Gemeinden Sellrain und Gries im Sellrain gibt es ebenfalls ein paar Nachrichten. Beginnen wir zunächst in Sellrain: "Nur wenige Bergwiesen weden bewässert (das gewonnene Gras wird 'Wasserheu' genannt). Es bewässern nur mehr Außer Grubach, Unter Durregg sowie Gottlieb und Luisls in Perfall." (Berger 1968, S 260)
Und wie sah es damals Ende der 1960er-Jahre in Gries im Sellrain mit der Bewässerung der Bergmähder aus? "Lediglich eine bewässerte Bergwiese des Sargenhofes in Marendebach kann alljährlich gemäht werden - sonst ist Bewässern oder Düngen der Bergmähder nicht üblich." (Berger 1968, S 261)

Über die Länge und den Verlauf der Waale gibt es in der einschlägigen Sellraintal-Literatur keine Angaben. Dasselbe lässt sich auch für das Quellgebiet und die Bachabzweigungen feststellen.
Lediglich über die Funktion (Wozu hat der Waal gedient?) und über die Zeit der Nutzung (Bis wann hat er bestanden?) informiert uns das Schrifttum: Anfang bis Mitter der 1970er-Jahre ist das Waalsystem zur Entwässerung im Untersuchungsraum schrittweise aufgelassen worden!
Es gibt im Sellraintal keine Geschichte, Sagen und Erzählungen zu den Wasserwaalen. Auch das Ausmaß (Länge bewässerter Bereich usw.) wurde nie beschrieben.
Waalgräben, Rinnen, sind im Bild der Agrarlandschaft bei den noch bestehenden, 'intakten' Entwässerungs-Anlagen noch vorhanden.

Zusammenfassung:
Die Wasserwaale (mundartlich von den Einheimsichen als 'Woaler' bezeichnet) dienten im Sellraintal einerseits der Bewässerung von sonnseitig gelegenen Bergmähdern, wobei die Anfänge in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts zurückgehen. Das auf diese Weise gewonnene Gras wurde von den Bergbauern ganz zutreffend 'Wasserheu' genannt. Anderserseits bestehen noch heute mehrere Wasserwaale in Form von Gräben oder Rinnen entlang der Schattseite, deren Funktion die Entwässerung feuchter Talwiesen ist.
Das fein gespannte Netz von Wasserkanälen blieb am längsten erhalten in der Talschlussgemeinde St. Sigmund (Peida-Brand) auf den bewässerten Bergwiesen des Peider Sonnbergs, weiters in Praxmar, in Marendebach (Gries im Sellrain) sowie in den Drei Sellrainer Ortsteilen Grubach, Durregg und Perfall. Im Jahr 1968 bewirtschafteten nur mehr zwölf Hofstellen des Sellraintales (davon sieben in St. Sigmund und vier in Sellrain) ihre 'Wassermahder', wodurch auf der Sonnseite die oft ausgetrockneten Bergwiesen jedes Jahr gemäht weden konnten.
Erst seit den 1970er-Jahren wurde dieses einfache Be- und Entwässerungssystem aus Mangel an Arbeitskräften nicht mehr flächendeckend instandgehalten. Die damals noch bestehenden Wasserwaale verfielen zusehends und verschwanden so immer mehr aus dem Bild der Agrarlandschaft. Da die kleinen Entwässerungsgräben im Sellraintal kaum mehr gepflegt werden, suchte das nach heftigen Niederschlägen ausgetretene Wasser ständig eigene Wege, was örtlich zu Bodenerosion und zum Abgang kleiner Muren führte.

(Jäger Georg Alois, Sellrain)

 

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Stand: 17.07.2010